Digitale Finanzprozesse scheitern nicht an Innovation, sondern an fehlender Integration

  • Oktober 8, 2026

Warum Finanzdienstleister technologisch oft weiter sind, als ihre IT-Wirkung vermuten lässt

Banken und Versicherungen haben in den vergangenen Jahren ihre digitalen Angebote deutlich ausgebaut. Digitale Banking-Modelle gewinnen im Euroraum an Bedeutung, und aktuelle Branchenstudien zeigen, dass Kundinnen und Kunden heute reibungsarme, personalisierte und kanalübergreifende digitale Erlebnisse erwarten. Gleichzeitig investieren viele Institute in Modernisierung, Automatisierung, Cloud-Modelle und neue Serviceangebote.

Trotzdem bleibt der operative Effekt in vielen Häusern hinter dem sichtbaren Digitalisierungsgrad zurück. Der Grund ist oft nicht fehlende Innovationsbereitschaft, sondern die Tatsache, dass neue Anwendungen auf historisch gewachsene Kernsysteme, komplexe Abhängigkeiten und hohe Anforderungen an Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und Stabilität treffen. Genau diese Gemengelage beschreiben sowohl Deloitte als auch IBM und McKinsey als zentrales Merkmal moderner Finanz-IT.

Legacy-Systeme, neue Services und Regulierung erzeugen strukturelle Komplexität

Finanzdienstleister bewegen sich in einem besonderen technologischen Umfeld. Viele geschäftskritische Prozesse laufen weiterhin auf bewährten Kernbankensystemen oder anderen gewachsenen Plattformen. Parallel dazu entstehen neue digitale Services in Cloud- oder Hybrid-Umgebungen. Für etablierte Institute liegt die Herausforderung deshalb meist nicht im Start auf der grünen Wiese, sondern in der kontrollierten Modernisierung unter laufendem Betrieb.

Hinzu kommt die regulatorische Ebene. Mit DORA gilt seit 17. Januar 2025 ein EU-weiter Rahmen für digitale operationelle Resilienz in Finanzunternehmen. Die Vorgaben umfassen unter anderem ICT-Risikomanagement, Incident-Management, Tests zur digitalen Resilienz und den Umgang mit ICT-Drittparteien. Damit wird noch deutlicher: Veränderungen in der IT-Landschaft müssen nicht nur schnell, sondern auch kontrolliert, dokumentierbar und dauerhaft tragfähig umgesetzt werden.

Warum Punkt-zu-Punkt-Integrationen langfristig problematisch werden

Viele Integrationen entstehen zunächst pragmatisch: Eine Anwendung wird direkt an eine andere angebunden, um einen konkreten Prozess schnell umzusetzen. In kleineren Szenarien ist das oft sinnvoll. Wachsen Landschaften jedoch über Jahre, steigt damit die Komplexität der Gesamtarchitektur. IBM beschreibt für Banken genau diesen Effekt: steigende regulatorische Anforderungen, Silos und wachsende Datenmengen erhöhen die Integrationskomplexität historischer Systeme erheblich.

Für Finanzdienstleister ist das nicht nur ein Technikthema. Je unübersichtlicher Abhängigkeiten werden, desto aufwendiger werden Änderungen, Tests, Monitoring und Fehlersuche. Das kann Innovation verlangsamen und gleichzeitig die operative Stabilität belasten – gerade dann, wenn regulatorische Anpassungen oder neue digitale Services unter Zeitdruck umgesetzt werden müssen. Auch aktuelle Diskussionen zu operational resilience in Banken gehen genau in diese Richtung: Technologische Komplexität ist heute eng mit Widerstandsfähigkeit und Non-Financial Risk verknüpft.

Von Kernsystem bis Cloud: Integration als Enabler moderner Finanz-IT

Deshalb geht es in der Finanzbranche heute meist nicht um die radikale Ablösung aller Legacy-Systeme, sondern um deren kontrollierte Einbindung in eine modernere Architektur. Deloitte beschreibt Modernisierung ausdrücklich als schrittweisen Übergang von stark individualisierten, On-Prem-orientierten Altlandschaften hin zu flexibleren, cloudfähigen Modellen. IBM betont dabei die Notwendigkeit, ältere Systeme mit modernen Plattformen zu verbinden, statt sie isoliert nebeneinander zu betreiben.

Eine belastbare Integrationsschicht schafft dabei mehrere Vorteile zugleich: Sie verbindet Bestandssysteme mit neuen Anwendungen, macht Datenflüsse transparenter, reduziert Medienbrüche und unterstützt standardisierte, wiederverwendbare Schnittstellen. Gerade in regulierten Umfeldern ist diese Transparenz wichtig, weil sie Stabilität, Steuerbarkeit und Nachvollziehbarkeit verbessert.

Agilität und Regulierung sind kein Widerspruch

In der Finanz-IT wird Agilität häufig fälschlich als Gegenpol zu Regulierung verstanden. Tatsächlich kann eine sauber aufgebaute Integrationsarchitektur beides unterstützen: schnellere Umsetzung neuer Anforderungen und kontrollierbare Betriebsprozesse. DORA verlangt kein Innovationsbremsen, sondern robuste Governance, dokumentierte Prozesse, kontrolliertes ICT-Risikomanagement und belastbare Drittparteisteuerung.

Damit wird Integration zu einem strategischen Hebel: Sie hilft, neue Anwendungen einzubinden, ohne bewährte Kernprozesse unnötig zu destabilisieren, und sie unterstützt die Resilienz der Gesamtarchitektur. Anders gesagt: In der Finanzbranche ist Integration nicht nur Middleware, sondern ein Teil der Betriebs- und Risikofähigkeit der IT.

Praxisbeispiel: Finanz Informatik zeigt, wie Integration und Low Code operative Wirkung erzeugen

Wie entscheidend eine durchdachte Integrationsstrategie in der Praxis ist, zeigt ein Blick auf Finanz Informatik, den zentralen IT-Dienstleister der Sparkassen-Finanzgruppe.

In einer komplexen, hochregulierten IT-Landschaft mit tausenden Anwendern kommt es hier nicht nur auf stabile Systeme an, sondern vor allem auf das reibungslose Zusammenspiel unterschiedlichster Anwendungen und Prozesse.

Ein konkretes Beispiel ist die Digitalisierung von Asset-Management- und Inventurprozessen. Mit einer mobilen Anwendung wurden zuvor manuelle und fragmentierte Abläufe in einen durchgängigen digitalen Prozess überführt. Inventarisierung, Barcode- und QR-Erfassung sowie der Abgleich mit Backend-Systemen laufen heute integriert – online wie offline. Gleichzeitig sind ITIL-nahe Prozesse wie Request Fulfilment oder Configuration Management direkt angebunden.

Der eigentliche Mehrwert entsteht dabei nicht durch die mobile App allein, sondern durch die nahtlose Integration in die bestehende Systemlandschaft.

Ein weiteres Beispiel ist die Integration der IT-Servicemanagement-Lösung „Service Request Plus“ in bestehende SAP-Prozesse. Dadurch wurde eine zentrale Plattform geschaffen, die täglich von tausenden Nutzern innerhalb der Sparkassenorganisation eingesetzt wird. Hohe Nutzungszahlen und die Verarbeitung zehntausender Kontakte zeigen, dass die Lösung nicht nur technisch funktioniert, sondern auch operativ skaliert.

Was sich hier klar erkennen lässt: Wirkung entsteht nicht auf der Oberfläche, sondern in der Tiefe der Architektur.

Erst wenn Fachprozesse, Datenflüsse und Backend-Systeme sauber integriert sind, lassen sich digitale Anwendungen stabil betreiben, effizient erweitern und organisationsweit skalieren. Genau diese Verbindung macht aus einzelnen Digitalprojekten eine nachhaltige IT-Strategie.

Fazit

Finanzdienstleister sind technologisch oft weiter, als es ihre operative IT-Wirkung auf den ersten Blick vermuten lässt. Das Problem ist selten der Mangel an digitalen Ideen oder neuen Anwendungen. Entscheidend ist, ob bestehende Kernsysteme, neue Services, Datenflüsse und regulatorische Anforderungen über eine tragfähige Integrationsarchitektur zusammengeführt werden. Quellen aus Beratung, Regulierung und Praxis zeigen übereinstimmend: In der Finanzbranche ist Integration keine technische Nebensache, sondern eine Voraussetzung für Stabilität, Geschwindigkeit und Zukunftsfähigkeit.

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